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Lebensgeschichten

Ich weiß nicht mehr genau, wie es begann. Und warum. Ich erinnere mich kaum
noch an meine Kindheit oder irgendetwas, bevor ich 14 war. Außer einer
Sache:
Den 6 Jahren, in denen ich in der Schule gemobbt wurde. Tag für Tag von der
ersten Klasse an. Ich wurde geschubst, angespuckt, ausgelacht und
ausgeschlossen. Ich habe keine Ahnung, warum ich ausgerechnet das noch weiß
und nichts anderes mehr. Als nächstes Erinnere ich mich, wie meine Mutter eines
Morgens, als ich 14 war, in mein Zimmer kam und meine (damals noch) absolut
unspektakulären Ritzer an den Armen sah. Am nächsten Tag saß ich bei einer
Jugendpsychologin und erzählte ihr, dass ich das etwa seit 3 Monaten
machte. Keine Ahnung ob es wirklich so war, allerdings halte ich mich bis heute an diesem Datum
fest, weil ich sonst wohl überhaupt nicht mehr wüsste, wann ich damit
angefangen habe. Nach einigen Wochen jedoch brach ich diese Therapie ab,
weil ich die Frau nicht leiden konnte und ich glaube, sie mich auch nicht. Ich log meinen
Eltern vor, dass ich aufgehört hätte, zu schneiden. Sie kontrollierten mich
zwar, aber nur an den Armen, sodass ich ganz unbekümmert am Bauch und an den
Beinen weitermachen konnte. Einige Monate danach fanden meine Eltern aber
auch das heraus, weil sie es in meinem Tagebuch gelesen hatten. Die Schnitte
waren zu dem Zeitpunkt schon etwas schlimmer geworden, aber ziemlich
unwesentlich. Egal, jedenfall steckten meine Eltern mich daraufhin in eine
Klinik. Im Nachhinein würde ich sagen, dass es das beste war, was ich je gemacht habe,
denn in dieser Zeit half mir die Therapie zwar kein bisschen weiter, jedoch
fand ich dort zwei Menschen, die mir beibrachten, dass man seine Narben nicht
verstecken muss und sich für sein SvV nicht schämen sollte. Nach 7 Wochen
jedoch flog ich aus der Klinik raus, weil ich ein großes Cuttermesser
reingeschmuggelt hatte, das irgendein Betreuer beim "Kontrollieren" meines
Zimmers fand.
Naja, eine Woche später wäre die Therapie sowieso zuende gewesen. In dieser
Zeit erfuhr ich auch, warum es meiner Mutter immer schlechter ging: Sie
hatte Lungenkrebs und starb 8 Monate später. Ich kam erneut in die Klinik, ging
nach 10 Wochen Therapie wieder nach Hause und es ging mir schlechter als je
zuvor. Ich fing an, die Tabletten zu nehmen, die sie nicht gebraucht hatte,
Schmerz- und Beruhigungsmittel und ging mehrere Monate nicht zur Schule,
weil ich morgens immer Panikattacken hatte. In der Zeit habe ich weitere 3 ambulante
Therapien angefangen und wieder abgebrochen, die Diagnosen "Depressionen"
und "Emotionale Störung" bekommen, und die Schnitte wurden immer schlimmer.
Inzwischen sind sie so tief, dass sie eigentlich ejdesmal genäht werden
müssten.
Heute bin ich 17 und habe das erste Halbjahr in meiner neuen Klasse
überstanden (ich musste wegen der vielen Fehlzeiten wiederholen), bin fast
ein halbes Jahr mit meinem Freund zusammen, der mich unterstützt und meine Krankheit
erträgt, so gut er kann und habe einige Pläne für die Zukunft gemacht. Ich
habe es inzwischen aufgegeben, noch eine Therapie anzufangen. Entweder schaffe
ich es selbst, daras zu kommen oder gar nicht. Und auch wenn ich mich im Moment
noch nicht besonders drum bemühe, habe ich die Hoffnung noch nicht
aufgegeben.

Verfasser: morgan667
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