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Lebensgeschichten

Ich bin in einer Grossiedlung in Hamburg gross geworden und meine Kindheit war war geprägt von Kriminalität und Gruppendruck.
Ich glaube, das erste Mal, dass ich gezwungen wurde etwas Kriminelles zu machen, war so ungefähr mit acht, Mario damals 16, ein Typ aus der Nachbarschaft zwang mich etwas zu klauen (es war etwas völlig triviales, aber ihn ging es ums Prinzip), wollte ich nicht, wurde ich zusammengeschlagen. Ich wurde natürlich prompt erwischt und meine Eltern waren ziemlich enttäuscht von mir, haben mich aber nicht bestraft, etwas was sie nie getan haben, aber vielleicht hätten tun sollen, sie machten mir nur auf ihre "verständnisvolle Art" klar, dass sich das nicht gehört.
Verdammt das wusste ich selber aber ich konnte mit ihnen darüber nie reden, sie hatten überhaupt keine Ahnung was es bedeutet jeden Tag vor die Tür zu gehen und sich wie ein Kaninchen umgucken zu müssen, ob nicht die Älteren da sind und einen nur so aus Spass zusammenschlugen oder wieder mal klauen gehen zu müssen, sie hatten selbst ihre Probleme meine Mutter und mein Stiefvater waren immer am arbeiten und wenn sie dann da waren und ich Probleme hatte, hat meine Mutter mich nicht verstanden und mein Stiefvater sagte Sachen wie, mach dich gerade, oder Du musst in der Lage sein deine Probleme selber zu lösen.
Mein Stiefvater (ein "echter Mann" und Fremdenlegionär)nahm mich bei Gelegenheiten wie Geburtstag, Weihnachten und ganz besonders gern zu "Kamerun" (ein Feiertag in der Fremdenlegion) zur Seite und sagte Sachen wie "Mann" darf keine Gefühle zeigen, oder wenn du weinen willst, tu es für dich alleine.
Was ihm nicht klar war, ist das ich nicht bin wie er, O.K. ich habe zurück geschlagen und versucht mich gerade zu machen, aber gut gefühlt habe ich mich dabei nie ausser ich habe selbst was abgekriegt, da merkte ich dann, dass es sich mit dem Schmerz leichter ertragen lässt (die gerechte Strafe dafür das ich anderen wehtue).
Damals war ich nach aussen hin ein brutales Schwein und nach einiger Zeit wurde ich gemieden.
Mit 14 war es dann soweit, dass niemand in meinen Alter noch was mit mir zu tun haben wollte, da ich meine Aggressionen nicht unter Kontrolle hatte.
Es war die einsamste Zeit in meinen Leben, also fing ich an meine Aggressionen gegen mich selber zu richten und die Leute meinten "Hey schön wie du dich eingekriegt hast".
JETZT war ich "angepasst" und alle waren zufrieden mit mir aber wie es in mir aussah interessierte keine Sau.
Mit 16 fing ich dann mit den harten Drogen an.
Es war so um vieles leichter sich emotional abzutöten als sich damit auseinanderzusetzen, dass ich sogar das schni**eln aufgegeben habe, aber im Endeffeckt war es auch nichts anderes als Selbstzerstörung.
Mit 22 war ich dann am Tiefpunkt, aber irgendwann sagte ich mir, versuch dich wieder einzukriegen, ich brach alle Brücken ab, verschwand einfach und ich schaffte es wirklich mit den harten Drogen aufzuhören (das Einzige, was ich in meinen leben wirklich auf die Reihe gekriegt habe) aber emotional war ich auf der Strecke geblieben, ich lebte nach der Devise "Bitte niemanden um Hilfe dann wirst du auch nicht enttäuscht".
Ich ging aus Hamburg weg und lernte meine spätere Frau kennen aber auch mit ihr habe ich nie darüber gesprochen, was vielleicht ein Fehler war, nach sechs Jahren seelischer Leere kann man aber auch nicht erwarten, dass ich darüber rede, ich habe es ja in den ganzen Jahren nicht getan.
Vor einen halben Jahr fing dann alles wieder an, diese emotionale Leere, meine Frau machte mir nur Vorwürfe, ich müsse mal den Arsch hochkriegen und das ich Verantwortung für andere habe, mein Gott das weiss ich selber und ich sehe nur das ich schon wieder alle enttäuscht habe, aber ich kann es leider nicht ändern, ich bin nicht der Starke, für den mich alle halten, immer muss ich für alle da sein aber mich versteht keiner.
Naja, jetzt habe ich mir endlich Hilfe gesucht und merke auch, dass ich gar nicht so alleine bin, aber es ist für mich immer noch schwer vertrauen zu fassen.

Verfasser: Martin
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