banner
 
Erfahrungsberichte

Hi ich bin Anna
ich habe bereits eine Lebensgeschichte an euch geschickt, aber seitdem hat sich so vieles geändert... ich möchte erzählen, wie ich runtergekommen bin vom Schneiden. Ich habe allerdings keine Sternchen benutzt, also wenn es euch nicht so gut geht, bitte lest es nicht.

Als ich meine Lebensgeschichte schrieb, ging es mir schlecht. Zu dem Zeitpunkt hing ich wohl am tiefsten drin. Ich hatte im Januar damals eine Art Entzug laufen, ich wollte mich zusammenreissen und von selbst damit aufhören. Seit fünf Monaten hatte ich mich nicht mehr geschnitten. Trotzdem ging´s mir nicht besser dadurch, ich hatte noch andere Probleme mit mir selbst, die ich mir aber nicht eingestehen wollte und deswegen vergraben und ignoriert habe. Ein oder zwei Tage nachdem ich also den Eintrag gemacht hatte, saß ich in der Schule und starrte mal wieder in die Luft und habe nichts mitbekommen vom Unterricht, das ging mir oft so, nur hat´s anscheinend nie jemand so richtig mitbekommen. Auch als ich anfing, meine Hand gegen die Tischkante zu schlagen sagte niemand meiner Banknachbarn etwas - sie wussten von meinem "Problem". Eine Freundin von mir, die auch an SVV leidet hat es bemerkt und mir geschrieben, was denn los sei mit mir. Sie saß zwei Bänke weiter weg.
Wie dem auch immer sei, ich dümpelte also den ganzen restlichen Vor- und Nachmittag in meiner Depression vor mich hin, unfähig und unwillig, etwas dagegen zu tun. Es war mir vollkommen egal, wenn meine Freunde mir aufheiternd zusprachen oder mir anboten, sie anzurufen wenn´s mir schlecht gehen sollte. Ich nahm das alles zwar dankbar zur Kenntnis, aber ich erinnere mich nur an ein einziges Mal, dass ich eine Freundin angerufen hatte und das auch erst nachdem ich mich verletzt hatte - nicht vorher, so wie es sinnvoll gewesen wäre. Am Abend dieses sowieso schon total verhunzten Tages ist "es" dann also passiert. Ich bin in die Küche getappt, erinnere mich noch, wie mir mein Kopf ganz deutlich sagte, ich solle sofort umdrehen bevor ich noch irgendeine Kacke verbocke, aber ich hab´ nicht darauf gehört, sondern habe mir ein Messer aus der Schublade genommen (nicht irgendeines, ich habe sogar akribisch untersucht, ob es auch scharf ist) und bin damit runter in mein Zimmer. Einen konkreten Anlass zu Schneiden hatte ich nicht, mir ging es nur mies und es war mittlerweile schon fast zur Gewohnheit geworden, ein gutes Stück Stolz war auch dabei, aber dazu später mehr.
Mir geriet es außer Kontrolle, ich zog zu fest durch und hatte ganz plötzlich einen riesen Schnitt im Arm klaffen, weil ich "unvorsichtig" war. Ich dachte ich müsste total abdrehen, es sah so unglaublich hässlich aus...hab´ Herzklopfen bekommen, konnte nicht mehr normal atmen und bin ins Bad gerannt, abgeschlossen und die Wunde irgendwie versorgt. Eigentlich hatte ich gar keine Ahnung, was ich tun sollte, ich bin auf und ab gegangen und meinte mein Schädel explodiert. Jedesmal wenn ich auf den Schnitt sah, hat es mich innerlich zerrissen, weiß nicht, wie ich dieses Gefühl anders beschreiben soll. Total geekelt hab´ ich mich. Mir war es unmöglich, zum Arzt zu gehen, meine Eltern wussten ja nichts davon und ich wohne außerhalb der Stadt, also hab ich´s gelassen und mir notdürftig irgendein Tuch drumgewickelt. Konnte die ganze Nacht nicht schlafen, mir sind viel zu viel Gedanken durch den Kopf gerast. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jetzt die ganze Scheiße ein Ende hätte, dass ich "es" jetzt nie mehr tun müsste. Naja, am nächsten Tag bin ich also statt in die Schule zum Arzt gegangen. Ich kannte ihn auch, mein Papa war mit ihm befreundet. Klar, der hat das gepeilt, als ich auf seine Fragen, wie das denn passiert sei nur mit Rumgedruckse geantwortet habe. Er hat mich angesehen und gefragt: "Warst DU das?". Da ist mir ein Licht aufgegangen: Ja, das war ICH, ich selber, nicht irgendjemand sondern ich habe mir selber Schmerz zugefügt. Mir ist das das erste Mal wirklich bewusst geworden. Der Arzt war total nett, hat mich gefragt, ob ich Probleme habe daheim, wie es mir sonst geht etc....und dass ich sofort zu ihm kommen soll, wenn wieder etwas ist.
So, warum musste ich also nicht mehr zurückkommen auf sein Angebot? Nach dieser Aktion fieberte ich einem ganz bestimmten Wochenende entgegen, in den Pfingstferien wollten wir auf ein Treffen der anonymen Alkoholiker fahren (meine Mama & Stiefmutter sind Alkoholikerinnen). Bevor dieses Wochenende kommen sollte, tat ich noch zwei- oder dreimal etwas Selbstverletzendes, so stabil war ich nicht. Ok, wir fuhren nach Wien, Messegelände. Ich saß mit einer Freundin nachts in der Eingangshalle, ein Mann war noch dabei mit seiner kleinen Tochter. Er hat sich mit meiner Freundin unterhalten über ihre Probleme, ich saß währenddessen nur rum und wollte losweinen, aber es ging nicht. Wir saßen dann zu viert da und da fragt er mich, was denn los ist mit mir. Ich fing an zu erzählen von meinem Schneiden, er hörte mir zu und nach einer Zeit sagte er: "ja, dieses Verletzen hat schon so etwas Elitäres, hm? Ist was besonderes, hat nicht jeder. Das kannst du wie einen Orden vor dir hertragen." da hab ich erstmal gestaunt, hab mir gedacht: was denkt sich der Sack eigentlich, der hat ja echt keine Ahnung!!!

Verfasser: Anna
© 2001-2003 by Rote Tränen. Alle Rechte vorbehalten.
Design by jesse blue
sponsored by CySys Websolutions